Aus dem Archiv · neu erzählt Am Marienwehrster Zwinger · Emden
1810 – 1997 · nach Originalquellen

Feuer über Emden

Nichts fürchtete ein Müller mehr als den „roten Hahn". Sieben Mal loderte er über den Emder Mühlen — eine Erzählung nach Zeitungsberichten, Versicherungsakten und der Mühlengeschichte von Dietrich Janßen. Einfach scrollen.

Eine Scroll-Erzählung

Wenn der rote Hahn auf der Mühle saß

1810

Die „Kleine Mühle" brennt

Am 1. Dezember 1810 brennt die Mühle am Kattewall ab — elf Jahre, nachdem die vereinigte Mühlensozietät sie für 13.000 Gulden in Gold erworben hatte. Sie wird als Holländerwindmühle wieder aufgebaut und erhält einen hoffnungsvollen Namen: „De goede Verwagting" — die gute Erwartung.

1822

Fünf Uhr morgens am Roten Mühlenzwinger

Am 20. November 1822 steht die Rote Mühle um 5 Uhr morgens in hellen Flammen. Sie brennt bis auf das Mauerwerk nieder; herabfallende Stücke machen das Löschen unmöglich, die Mühlensteine fallen zersplittert zu Boden. Der Müller Peter Fokken Neelen und seine zwei Mühlenknechte werden verhört — sie hatten die Mühle nach Feierabend verschlossen, nichts Verdächtiges bemerkt. Die Brandursache bleibt ungeklärt; die Versicherungssumme beträgt 8.000 holländische Gulden. 1823 wird die Mühle als vierstöckiger Galerieholländer wieder aufgebaut.

1888

„Der Anblick war ein unvergleichlich großartiger"

In der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober 1888 fällt „De goede Verwagting" erneut dem Feuer zum Opfer. Die Emder Zeitung berichtet:

„Letzte Nacht kurz nach 2 Uhr hallte Feuerlärm durch die Straßen, und der strahlende Widerschein der Flammen breitete sich über den großen Theil der Stadt aus. [...] Der Anblick der brennenden Mühle vor dem Zusammenbruch des Oberbaues war ein unvergleichlich großartiger."
Emder Zeitung, 27. Oktober 1888

Schon am 29. Dezember tritt Müllermeister Hinrikus Pannenborg als Bauherr auf — 1889 dreht sich die Mühle wieder, unter der Auflage einer „feuersicheren Bedachung".

1913

100 Tonnen Getreide verbrennen

Am 1. November 1913 brennt die Rote Mühle abermals — 118 Jahre nach ihrer Erbauung, 28 Jahre nach dem letzten Feuer an dieser Stelle ein Raub der Flammen. Mit ihr verbrennen 100 Tonnen Getreide; der Schaden: 17.967 Mark.

„Die Rote Mühle bildete gestern und vorgestern von früh bis spät den Gegenstand einer Besichtigung für Tausende von Menschen. Nur noch die Umfassungswände von etwa 10 m Höhe zeugten von entschwundener Pracht."
Ostfriesen-Zeitung, 3. November 1913

Versichert war die Mühle bei der Schlesischen Feuerversicherungsgesellschaft Breslau — die ostfriesischen Müller hatten aus gutem Grund schon 1899 ihre eigene Mühlenbrand-Sozietät gegründet, deren Policen in unserem Archiv liegen.

1916

Mitten im Krieg brennt es wieder

„Im oberen Teil der ‚Roten Mühle' der Firma Staal und Cramer brach gestern mittag Feuer aus, das rasch um sich griff und in kurzer Zeit das Mühlengebäude bis auf die Umfassungsmauern einäscherte."
Emder Zeitung, 17. August 1916

Wegen der Materialsperre des Ersten Weltkriegs wird die Mühle nicht wieder aufgebaut — der Stumpf erhält nur ein provisorisches Dach. Brandschaden: 36.930 Mark.

1941–44

Bomben statt Blitze

Im Zweiten Weltkrieg trifft es die Emder Mühlen erneut: Am 28. Dezember 1941 wird die Weizenmühle durch Bomben- und Windschäden schwer beschädigt, ihre Windflügel brechen ab. Am 11. Dezember 1943 zerstört ein Luftangriff viele Gebäude rund um die Rote Mühle; am 6. September 1944 brennt sie aus. Auch die Vrouw Johanna überlebt den Krieg — als eine der wenigen.

1997

Der Anschlag auf die Vrouw Johanna

Der bitterste Brand der jüngeren Geschichte: Der Achtkant der Vrouw Johanna, am 8. April 1997 aus Sicherheitsgründen abgenommen und für die Restaurierung ausgelagert, fällt in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni 1997 einem Brandanschlag zum Opfer.

Doch diesmal gewinnt die Mühle: Der Emder Mühlenverein lässt den hölzernen Achtkant nach altem Vorbild neu errichten und mit Reet decken. Am 13. Oktober 1998 hebt ihn ein Autokran zurück auf den Mühlenstumpf — und am Deutschen Mühlentag 2000 drehen sich die Flügel wieder.

Nachwort

Von einst über 30 Mühlen im Emder Stadtgebiet haben Feuer, Krieg und Abriss fast alle geholt. Dass die Vrouw Johanna heute als einzige große Mühle auf dem Wall ihre Flügel dreht, ist kein Zufall — sondern das Verdienst derer, die nach jedem Schlag wieder aufgebaut haben.

Die Original-Policen der Mühlenbrand-Sozietät (PDF)